Kapitel 14: Der Sturm und die U‑Bahn
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Vocabulary
| der Donner | thunder |
| heulen | to howl |
| flackern | to flicker |
| der Bahnsteig | platform |
| der Luftzug | draft of air |
| die Schritte | steps |
| verlassen | abandoned |
| Schattenstreifen | strip of shadow |
| der Schlund | the maw / throat |
| die Anspannung | tension |
Kapitel 14
Listen to the Story
Der Himmel verdunkelt sich schneller, als sie laufen können. Eine graue Wand aus Wolken schiebt sich über die Stadt, und der Wind wird stärker, schneidend, kalt. Jonas zieht seinen Rucksack fester an sich. Mira schaut nach oben.
„Das kommt schnell“, sagt sie.
Lukas nickt. „Wir müssen einen Unterschlupf finden. Sofort.“
Der erste Donner rollt über die Dächer, tief und schwer. Dann beginnt der Regen—nicht sanft, sondern hart, wie kleine Steine, die auf die Straßen prasseln. Der Wind heult zwischen den Gebäuden, wirbelt Staub und Blätter auf.
„Dort!“, ruft Mira und zeigt auf eine Treppe, die in die Tiefe führt. Ein altes Schild hängt schief darüber: U‑Bahn.
Sie rennen hinunter, während der Sturm hinter ihnen tobt. Der Eingang ist dunkel, aber trocken. Der Wind pfeift durch die Treppe, als wolle er ihnen folgen.
Unten angekommen, stehen sie in einer großen Halle. Die Luft ist kühl und riecht nach Metall und altem Beton. Irgendwo tropft Wasser rhythmisch auf den Boden.
Plink… plink… plink…
„Es ist… verlassen“, flüstert Jonas.
„Ja“, sagt Lukas. „Aber sicherer als draußen.“
Sie gehen weiter in die Station hinein. Alte Werbeplakate hängen an den Wänden, ihre Farben längst verblasst. Der Bahnsteig liegt still vor ihnen, ein langer Schattenstreifen, der in die Dunkelheit führt.
Dann flackert plötzlich ein Licht auf.
Ein schwaches, gelbliches Glimmen, das von oben kommt.
„Solarpaneele“, murmelt Lukas. „Vielleicht funktionieren sie noch ein bisschen.“
Die Lampen flackern wieder, werfen kurze, harte Schatten über den Boden. Für einen Moment wirkt die Station lebendig—und dann wieder tot.
Ein kalter Luftzug streicht durch den Tunnel. Jonas dreht sich um. „Habt ihr das gespürt?“
Mira nickt. „Der Wind kommt nicht von draußen. Das war… von unten.“
Sie lauschen.
Nur das Tropfen.
Nur der Sturm in der Ferne.
Dann—
Schritte.
Ganz leise.
Ganz nah.
Ein rhythmisches Tappen, das aus dem Tunnel zu kommen scheint.
Jonas’ Atem stockt. „Da ist jemand.“
„Oder etwas“, sagt Mira.
Sie starren in die Dunkelheit.
Doch sie sehen nichts.
Nur den Tunnel, schwarz wie ein offener Schlund.
Die Schritte kommen wieder.
Langsam.
Dann schneller.
Dann plötzlich gar nicht mehr.
„Wir sollten nicht hier bleiben“, sagt Lukas leise. „Nicht länger als nötig.“
Sie gehen den Bahnsteig entlang, weg vom Tunnel, weg von den unsichtbaren Schritten. Die Lampen flackern erneut, als wollten sie warnen. Der Sturm draußen brüllt, aber hier unten ist die Anspannung dichter, schwerer.
Am Ende der Station finden sie einen kleinen Raum—vielleicht ein altes Büro. Sie setzen sich, trinken etwas Wasser und warten, bis der Sturm nachlässt. Niemand spricht. Jeder hört nur auf die Geräusche der Station, auf jedes Tropfen, jedes Knacken, jeden Hauch von Bewegung.
Stunden später wird der Wind draußen leiser.
„Wir gehen weiter“, sagt Mira.
„Ja“, sagt Jonas, obwohl seine Stimme zittert.
Lukas öffnet die Tür. „Schnell und leise.“
Sie steigen die Treppen hinauf, zurück ins graue Licht des Morgens. Hinter ihnen bleibt die U‑Bahn—still, dunkel, und voller Geheimnisse, die sie nicht kennenlernen wollen.
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